Mit dem Krafttier zu neuen Ufern

Gehen oder bleiben? Meine Klientin Frau B. ist schon längere Zeit mit Ihrem Bürojob unzufrieden. Sie sehnt sich nach einer neuen Herausforderung, die sich im jetzigen Unternehmen jedoch nicht bietet. In den letzten Monaten hat sie sich hin und wieder  auf offene Stellen beworben – jedoch eher halbherzig, wie sie selbst sagt. Denn dem Wunsch nach Veränderung stehen das sichere Einkommen, das gewohnte Umfeld und die Loyalität zum Arbeitgeber gegenüber. Und dann ist da noch der Traum von der Selbstständigkeit als Schneiderin…

Frau B. ist hin- und hergerissen: Soll ich die Vorteile des Job wirklich aufgeben? Wird die Familie Verständnis haben? Wie dringlich ist die Sehnsucht nach einer neuen Aufgabe wirklich? Das sind Fragen, die sich viele Klienten stellen. Zwischen Arbeit, Haushalt und Kindern versuchen sie diese Fragen auf Verstandesebene zu beantworten. Doch was sagt das Herz, unsere innere Stimme, die Seele?

Ich schlage Frau B. ein schamanisches Format vor: Die Arbeit mit dem Krafttier. Krafttiere werden im Schamanischen als Ratgeber bei drängenden Fragen herangezogen oder um Unterstützung bei Problemen und Herausforderungen gebeten. Als „Führer zum Unterbewusstsein“ zeigen sie Aspekte auf, die auf Verstandesebene häufig unerkannt bleiben. Jedes Tier hat zudem eine bestimmte Energie, mit der sich der Schamane verbinden und die er nutzen kann.

Aus dem Krafttierorakel zieht meine Klientin nun eine Karte. Es ist die Möwe. Ihre ersten Assoziationen: frei, frech, aggressiv, laut. „Möwen nehmen sich, was sie wollen!“, sagt sie, denkt an den letzten Ostseeurlaub und den erfolglosen Versuch, das Fischbrötchen gegen die angriffslustigen Vögel zu verteidigen.

Im Schamanischen ist die Möwe Symbol für einen Aufschrei, einen Weckruf: Welche Hoffnungen und Sehnsüchte verleihen meinem Leben Sinn? Welche Talente bleiben ungenutzt? Welche Wünsche tue ich als Träumerei ab? Die Möwe fordert uns auf zu neuen Ufern aufzubrechen, etwas zu wagen und uns von Altem zu befreien – beruflich und privat.

Frau B. denkt sofort an ihr Hobby – das Schneidern -, für das sie sich viel zu wenig Zeit nimmt. Und an das eigene Atelier. Ich ermuntere sie sich in den nächsten Tagen und Wochen in einer Meditation mit der Kraft der Möwe zu verbinden. Die Bilder und Ideen, die dabei vor ihrem inneren Auge erscheinen, soll sie notieren und zum nächsten Termin mitbringen.

Vier Wochen später berichtet meine Klientin: „Ich habe mir zum ersten Mal bewusst Zeit genommen und mich gefragt, was ich wirklich will – und mich dabei in meinem eigenen Schneideratelier gesehen. Das war wunderbar!“ Die Gefühle beim Gedanken daran, das Hobby zum Beruf zu machen, wären derart überwältigend gewesen, dass sie sich einen Bürojob nun gar nicht mehr vorstellen könne. Daher habe sie sogar bereits mit der Familie gesprochen, wie (nicht ob!) sich ihr Traum umsetzen ließe. Und ihre Zweifel? „Die sind mit der Möwe weggeflogen!“, lacht sie.

In der Zukunft begleite ich Frau B. bei der Umsetzung ihres neuen Berufswunsch. Wenn der Verstand angesichts der anstehenden Schritte zu viele Bedenken anmeldet, holt sich meine Klientin Unterstützung bei einem weiteren Krafttier. Und der Eröffnung des eigenen Schneiderateliers steht dank Möwe, Fuchs, Löwe und Krokodil nichts mehr im Wege.

Text: Birgit Doeubler
Foto: Pixabay