Waldbaden

Heute Therme! So steht es zumindest in meinem Terminkalender. Aber dafür ist das Wetter eigentlich zu schön. Ich muss raus!

Ein Spaziergang im Wald ist jetzt genau das richtige. Klingt irgendwie nach 60er Jahre, deshalb sagt man auf Neudeutsch Waldbaden. Das weiß ich aus der Zeitung. Und auf Japanisch: Shinrin Yoku. Denn in Japan ist „Baden in der Waldluft“ sogar als Gesundheitsvorsorge offiziell anerkannt. Hierzulande wissen wir immerhin seit Peter Wohllebens Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“, dass der Aufenthalt im Wald das Immunsystem stimuliert. Statt zum Badeschaum greife ich also zu den Wanderschuhen und fahre in den Klövensteen im Hamburger Westen.

Waldbaden ist mehr als ein Spaziergang: Damit der Ausflug in den Wald einem Bad nahekommt, geht man im Zeitlupentempo. Diese Art des Gehens – oder besser: des Schleichens – hat etwas Meditatives, Sinnliches. Riechen, hören, schauen, fühlen. Und nebenbei die gesunde Waldluft einatmen und etwas für die Gesundheit tun.

Im Zeitlupentempo unterwegs, mit offenen Sinnen entdecke ich so manches, was mir sonst entgangen wäre. Eine Pilzkolonie im Unterholz – die Art habe ich vorher noch nie gesehen. In einer großen Pfütze am Wegesrand schwimmen bunte Blätter, wie Goldtaler glänzen sie im Sonnenlicht. Wie schön, denke ich. Und der morsche Baumstamm am Wegesrand hat eindeutig ein Gesicht und lächelt mir zu. Bei einem normalen Spaziergang hätte ich dafür keine Augen gehabt.

Die Hektik der Großstadt lässt sich nicht so schnell abschütteln. Ich muss mich immer wieder ermahnen, meine Schrittgeschwindigkeit zu drosseln. L-A-N-G-S-A-M! Ganz bewusst einen Fuß vor den anderen setzen, tief einatmen und … AUA! Schleicht man vorwärts, steigen die Chancen, dass einem herabfallende Kastanien genau auf den Kopf fallen. A propos: Aus Kastanien und Eicheln Männchen basteln…Kindheitserinnerungen werden wach.

Nach einer Weile gelingt das bewusste, langsame Gehen besser. Ich bleibe immer wieder stehen und schaue mich um. Ein Rascheln im Laub – lässt sich da eine Maus entdecken? Klopfgeräusche an einem Baumstamm – Specht, wo bist du? Glitzernde Spinnennetze in der Sonne – kleine Naturkunstwerke.

Diese Luft! Ich liebe den Geruch von welkem Herbstlaub! Der Weg ist übersät mit Blättern in orange, rot und braun, Eicheln, Kastanien und vielen kleinen Zweigen, die sich gegen den ersten Sturm der Saison nicht mehr wehren konnten. Es knistert und knackt unter den Füßen. Mit Karacho in einen Laubhaufen springen und die Blätter ordentlich durcheinanderwirbeln…noch eine Kindheitserinnerung. Am Wegesrand laden wilde Brombeeren zu einem Snack ein. Für alles ist gesorgt im Wald. Und das alles bei freiem Eintritt!

Nach einer guten Stunde fühle ich mich innerlich ruhiger, gelassener. Und ja, auch ein Stück gesünder. In jedem Fall – glücklich. Zurück am Parkplatz höre ich eine Frau telefonieren. Sie schlägt vor, man könne am Sonntag doch auch einfach mal zusammen in den Wald gehen. Sehr gute Idee!