Die Weiblichkeit nähren

Frau-Sein im iZeitalter, das bedeutet: Funktionieren, leisten, organisieren, managen. Kein Wunder, dass vielen modernen Frauen der Kontakt zum eigenen Körper, den weiblichen Instinkten und die Fähigkeit zur (Selbst-)Heilung verloren gegangen ist.

Wer als Frau seinen Mann stehen muss oder will, hat wenig Zeit das Weibliche zu nähren. Zwischen Kind und Karriere bleibt zum Frau-Sein wenig Raum. Von Beruf Hausfrau und Mutter – das ist längst die Ausnahme; zu hoch sind der Kostendruck und die Angst auf dem Arbeitsmarkt den Anschluss zu verlieren. Ist es da purer Zufall, dass die Zahl der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch zunimmt?

In der Praxis lerne ich zunehmend junge Frauen kennen, die bereits nach wenigen Berufsjahren erschöpft sind; die aufgrund der gestellten Anforderungen im Job von Selbstzweifeln geplagt werden; die Versagensängste, Depressionen und Schlafstörungen haben. Nicht selten handelt es sich bei diesen Frauen um Juristinnen, PR-Managerinnen, Unternehmensberaterinnen.

In der Therapie geht es zunächst darum, ihnen ein Stück Selbstwert zurückzugeben, an ihre weiblichen Wurzeln zu erinnern und sie zu ermutigen, diese auch zu leben. Frau sein muss Frau sich in Zeiten, in denen Frauen das Mars- anstelle des Venusprinzips leben, erst wieder erlauben.

Doch was ist typisch weiblich? Kinder gebären, umsorgen, die Familie zusammenhalten, sich kümmern um Mann und Kinder, backen, kochen, putzen… Klingt antiquiert? Gar nicht! Statt Großmutters Torten backen wir trendige Cupcakes, Nähen heißt heute Upcycling, das Kaffeekränzchen findet nicht mehr im Wohnzimmer, sondern in der Coffeebar statt. Auch so lässt sich das Weibliche nähren. Aber: Frau muss sich bewusst Zeit nehmen dafür. Darum geht es.

Liebe Leserin, wann haben Sie sich zuletzt gestattet „sinnlos“ in einer Zeitschrift zu blättern oder einfach auf dem Sofa zu sitzen und nichts zu tun – und sich dafür im Terminkalender sogar Zeit reserviert? Meinen Patientinnen gebe ich gern als Hausaufgabe mit den „typisch weiblichen Fähigkeiten und Fertigkeiten“ wieder bewusst Raum zu geben. Beim nächsten Termin erzählen sie von gebastelten Origami-Figuren, der Teilnahme am Malkurs oder dem Wellnesstag mit Freundinnen, der schon seit einem Jahr geplant war, aber immer wieder verschoben wurde. Ihre leuchtenden Augen verraten, dass sich die Seele das schon lange gewünscht hat.

Die Disziplin, die wir uns im Job auferlegen, dürfen – und müssen – wir auch bei Verabredungen mit uns selbst walten lassen. Eine Heilerin hat einmal zu mir gesagt: „Manchmal muss man sich selbst liebevoll ermahnen, wenn es darum geht, sich etwas Gutes zu tun.“ Recht hat sie.

Text: Birgit Doeubler
Foto: Pixabay