Ein Date mit Manitu

Der MedicineWalk oder VisionQuest war fester Bestandteil in der Kultur vieler indianischer Völker: Der Medizinmann eines Stammes zog in die Wildnis zurück, um dort, ohne Nahrung und völlig auf sich gestellt, in eine Art Trancezustand zu verfallen, eins zu sein mit den Spirits. Die Spirits, das sind die Naturgeister und Elementarwesen der Erde. Der große Geist, der alles umfasst. Das geheimnisvolle Ganze, das allem einen Sinn gibt: Manitu, wie die Native People sagen würden.

Um Antworten auf drängende Fragen zu erhalten braucht der Stadtschamane weder tagelang zu fasten noch einsame Wälder aufzusuchen. Auch in einer Millionenmetropole können wir auf einem Spaziergang im Park oder in einen nahegelegenen Forst einen Medicine Walk im Miniformat abhalten. Ein Erlebnisbericht:

Heute Abend habe ich ein Date mit Manitu. Für das Treffen begebe ich mich in einen kleinen Park mitten in Hamburg. Bevor ich in den Park gehe mache ich mich innerlich leer. Schließe die Augen, atme tief. Übergebe den Arbeitstag gedanklich der großen Platane neben mir. Werde still. Atme. Dann öffne ich die Augen und setze langsam einen Fuß vor den nächsten. Dabei folge ich nicht dem Sandweg, sondern lasse mich von TAO leiten. TAO bedeutet: Einen Weg gehen, der sich erst im Gehen erschließt. Dem Impuls folgen, nicht dem Verstand. Nur Manitu leitet mich auf dem Weg.

Ich sehe mich um: Wohin zieht es mich? Mitten auf der Wiese zu meiner linken steht eine mächtige Eiche. Ich gehe zu ihr und stelle mich an den Stamm, blicke ich in die Krone. Es regnet, doch unter dem dichten Blätterdach bin ich geschützt. Und beschützt. Ein wohliges Gefühl steigt in mir auf. Sorgenfreiheit. Ich verweile einige Minuten und folge dann wieder dem TAO.

Jetzt geht es geradeaus den Weg entlang. Ich gehe langsam, blicke mich immer wieder um. Nehme die feuchte Luft war. Den Gesang der Vögel. Einen Schmetterling. Den Regen auf der Haut. Dann zieht es mich nach rechts, zu einem Bach. Ich stehe am Ufer, mein Blick folgt dem Wasser. Es fließt schnell. Im Bachlauf liegen drei Steine, an denen sich das Wasser bricht. Es umfließt sie und nimmt ungehindert seinen Weg. „Siehe, es bringt nichts“, höre ich meine innere Stimme, „sich dem Lauf des Lebens zu entgegenzustellen. Es geht seinen Gang, wie das Wasser des Baches. Die Steine werden nass so wie du berührt wirst von Ereignissen, Begegnungen; nehme sie wahr, aber wehre dich nicht. Du kannst das Leben nicht aufhalten.“ Ich nicke. Ewig könnte ich an dem Bach stehen bleiben. Doch ich höre den Ruf des TAO.

Ich drehe mich um und sehe auf der anderen Seite der Wiese einen großen Busch. Ich steuere darauf zu, umrunde ihn. Auf der Rückseite entdecke ich im Gras einen großen Ast. Er scheint von einem Baum abgebrochen zu sein, ist an der Abbruchstelle mit Pilzen bedeckt. An der pilzfreien, offenen Seite gabelt sich der Ast in drei Ästlein auf. Ich schaue den Ast an und bin zunächst ratlos. Was hat er mir zu sagen, was kann ich lernen? Wir erhalten von den Spirits nur Botschaften, die wir auch verstehen. Also abwarten… dann die Erkenntnis: Pilze wachsen auf krankem Holz, das ich spontan mit alten, nicht mehr gültigen Denk- und Handlungsmustern assoziiere. Wenn wir das Gestern ruhen lassen werden wir frei für ein gesundes, unbelastetes Morgen auf neuen Wegen.

Der TAO führt mich zum Ausgangspunkt zurück. Ich bleibe noch einmal unter der großen Platane stehen, blicke in den Park und danke Manitu für die Botschaften. Ich freue mich auf ein Wiedersehen. Bis bald!

Foto: Birgit Doeubler